CLIMDAT - Klimageschichte - Frühe Neuzeit

CLIMDAT®: Klima - Umwelt - Mensch (1500-1800)


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  • 1500 bis 1550
  • 1551 bis 1579
  • 1580 bis 1599
  • 1600 bis 1639
  • 1640 bis 1699
  • 1700 bis 1734
  • 1735 bis 1749
  • 1750 bis 1799
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  • Hochwasser 2002
  • Kontakt: Dr. phil. Stefan Militzer, c/o eXclusiveOR / DIGITAL SYSTEMS GmbH, Mahlmannstraße 1-3, 04107 Leipzig, GERMANY
    e-mail: kontakt@klimageschichte.de

    Signatur der Abhandlung in der Universitätsbibliothek Leipzig:

    Militzer, Stefan:
    Klima, Umwelt, Mensch (1500-1800): Studien und Quellen zur Bedeutung von Klima und Witterung in der vorindustriellen Gesellschaft;(=Abschlußbericht zum DFG-Projekt MI-493) / Stefan Militzer. - Leipzig: 1. Studien. - 1998. - 542 S.: graph. Darst. - Notation(en): RH 35438; RG 10438, Standort: HB Signatur: 98-4-182:1

    Militzer, Stefan:
    Klima, Umwelt, Mensch (1500-1800): Studien und Quellen zur Bedeutung von Klima und Witterung in der vorindustriellen Gesellschaft; (=Abschlußbericht zum DFG-Projekt MI-493) / Stefan Militzer. - Leipzig: 2. Quellentexte (climdat) 1500-1699. - 1998. - 839 S. - Notation(en): RH 35438; RG 10438, Standort: HB Signatur: 98-4-182:2

    Militzer, Stefan:
    Klima, Umwelt, Mensch (1500-1800): Studien und Quellen zur Bedeutung von Klima und Witterung in der vorindustriellen Gesellschaft; (=Abschlußbericht zum DFG-Projekt MI-493) / Stefan Militzer. - Leipzig: 3. Quellentexte (climdat) 1700-1799. - 1998. - 590 S. - Notation(en): RH 35438; RG 10438, Standort: HB Signatur: 98-4-182:3

    Militzer, Stefan:
    Klima, Umwelt, Mensch (1500-1800): Studien und Quellen zur Bedeutung von Klima und Witterung in der vorindustriellen Gesellschaft; (=Abschlußbericht zum DFG-Projekt MI-493) / Stefan Militzer. - Leipzig. Notation(en): RH 35438; RG 10438
    Hinweis: Sie finden alle Bände im Register4 (Sachtitel) unter: Klima, Umwelt, Mensch (1500-1800)

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    Inhaltlich-methodische Positionsbestimmung und Zielsetzung

    SturmflutDie vorliegende Arbeit ist der Klimaentwicklung sowie regionalen und lokalen Wirkungsaspekten von Klimavariationen im Zeitraum von 1500 bis 1800 gewidmet.
    Die Hinwendung zu diesem Thema wurde entscheidend von den neueren Forschungsergebnissen über die terrestrischen Klimavariationen in den letzten tausend Jahren motiviert.
    Zum Hintergrund des unübersehbaren Erkenntnisgewinns zählt nicht zuletzt die inhaltliche und methodische Entwicklung der Historischen Klimatologie in den letzten Jahrzehnten. Anhand der Arbeiten von E. Brückner (1890), C. E. P. Brooks (1926), E. Le Roy Ladurie (1967), H. v. Rudloff (1967), H. H. Lamb (1977), T. M. L. Wigley, M. J. Ingram & G. Farmer (1981), C. Pfister (1982), H. Flohn (1985), P. Alexandre (1987), J. M. Grove (1988) und R. S. Bradley & P. D. Jones (1992) kann dieser Fortschritt nachvollzogen werden.

    In jüngster Zeit kann der klimatologischen Forschung ein zusätzlicher Beschleunigungseffekt bescheinigt werden. Der aktuelle Trend der globalen Klimaentwicklung, die scheinbare Zunahme von Witterungsanomalien und der von ihnen ausgelösten Naturkatastrophen, die Frage nach dem Verhältnis von natürlichen und menschgemachten (man-made) Anteilen an dieser Entwicklung sowie das zunehmende öffentliche Interesse an der "Klimaproblematik" sind an dieser Entwicklung maßgeblich beteiligt.

    Die interdisziplinär geprägte Historische Klimatologie als klimatologische Teildisziplin berücksichtigt die Tatsache, daß erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ausreichende Zahl von standardisierten Instrumentenmessungen für die Klimarekonstruktion verfügbar sind. Zwischen Paläo- und Neoklimatologie eine Brückenfunktion bildend, greift sie auf die teils virtuos gehandhabte Auswertung eines breiten und feingliedrigen Spektrums vorwiegend anthropogener Überlieferungen zurück. Ziel der Forschung ist die Rekonstruktion des historischen Klimas, daß heißt die "für einen bestimmten Ort, eine Landschaft oder einen größeren Raum typische Zusammenfassung der erdnahen und die Erdoberfläche beeinflussenden Zustände und Witterungsvorgänge während eines längeren Zeitraums in charakteristischer Verteilung der häufigsten, mittleren und extremenWerte". Damit soll eine breitere Grundlage für die Bewertung der aktuellen Entwicklung und die Abschätzung möglicher Folgen bereitgestellt werden. Auf einer ersten Ebene kann das klimageschichtlich relevante Datenmaterial in "natürliche" Daten (Pollen, Baumringe, Sedimente usw.) und anthropogene Daten gegliedert werden. Die bunte Vielfalt der anthropogenen Daten läßt sich wiederum nach Sachquellen und nach Schriftquellen ordnen. Zu den Sachquellen zählen u. a. Bilder, Karten und Pläne, zu den Schriftquellen gehören Annalen, Chroniken, Flugschriften , Meßjournale, Tagebücher, Schreibkalender, Verwaltungsakten, Witterungstagebücher und Zeitungen.

    Unter inhaltlichem Aspekt läßt sich das Material in klimaspezifische und indirekte Daten (Proxydaten) gliedern. Die klimaspezifischen Daten enthalten eine unmittelbare Aussage, etwa Meßwerte zu den Klimaelementen (z. B. Temperatur), daß heißt Informationen über den Augenblickszustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort. Witterungsbeschreibungen spiegeln die Großwetterlagen mit einer zeitlichen Auflösung von mehreren Tagen oder Wochen wieder. Die indirekten Daten schließen numerische oder deskriptive Aussagen zu Ereignissen oder Prozessen ein, die mehrheitlich vom Klima gesteuert werden. Üblicherweise wird eine weitere Unterteilung in physikalische und biologische Daten vorgenommen.

    Zur ersten Gruppe gehören u. a. Wasserstände in stehenden und in Fließgewässern, Angaben über Vereisung, Vereisungsdauer und Eisgang , Nachrichten über Gletscherbewegungen oder Angaben über Schneefall und Schneebedeckung auf verschiedenen Höhenlagen. Zur Gruppe der biologischen Informationen zählen pflanzenphänologische Daten (z. B. Blüte von Obstbäumen), paraphänologische Daten (z. B. Beginn der Wein- oder Getreideernte) und önologische Daten (Qualität und Quantität der Weinmosternte).

    Der Inhalt und die Provenienz, die Unmittelbarkeit oder Mittelbarkeit der klimatischen Aussagen und die verschiedenen Typen klimageschichtlicher Quellen stellen hohe Anforderungen an die Verarbeitung. Die Heterogenität des Materials impliziert eine Reihe spezifischer Fehlerquellen, und es bedarf einer Reihe methodischer "Schlüssel" aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, um Klimainformationen aus indirekten Aussagen erschließen und bewerten zu können. Aus klimatologischer Sicht sind die Probleme mehrfach erörtert worden. Die folgenden Ausführungen dienen deshalb nur zur knappen Illustration der Problemlage.

    Bei der Bewertung von historischen Instrumentendaten zählen beispielsweise der Aufstellungsort der Geräte, ein möglicher Standortwechsel, das Konstruktionsprinzip, die Skalierung sowie die Genauigkeit und Regelmäßigkeit der Ablesung zu den Fehlerquellen. Proxydaten, deren Wert von mehreren, teils komplex wirkenden Steuervariablen bestimmt wird, geben ihre Klimainformationen oft erst nach einer aufwendigen Analyse, bei der exogene Faktoren ausgefiltert werden müssen, preis. So hat Einbeziehung von Daten aus der Pflanzenproduktion beispielsweise zu berücksichtigen, daß der Flächenertrag vor dem Hintergrund der historischen Rahmenbedingungen nicht nur von den natürlichen Umweltfaktoren "Klima" und "Boden", sondern auch von anthropogenen Einflüssen gesteuert wird.

    Bamberg im Februar 1784Hoch- und Niedrigwassermarkierungen an Bauwerken bieten u. a. einen Einblick in das Niederschlagsgeschehen. Zu Fehlinterpretationen kann es kommen, wenn die Möglichkeit hoher Pegel durch Eisversetzungen nach besonders kalten Wintern unberücksichtigt bleibt. Zu den allgemeinen Fehlerquellen zählt auch, daß Markierungen abweichend vom tatsächlich erreicheten Pegel angebracht oder später an einen anderen Ort versetzt worden sein konnten. Bei der schriftlichen Überlieferung direkter und indirekter Angaben, von denen das Rückgrat der vorliegenden Arbeit gebildet wird, ist stets mit Falschinformationen, Überbewertungen und Unterbewertungen zu rechnen.

    Zu den übergeordneten Prämissen der Bewertung zählt, daß Aussagen stets unter den räumlichen, zeitlichen, individuellen und institutionellen Entstehungsbedingungen zu betrachten sind. Die Methode der historischen Quellenkritik ist geeignet, unglaubwürdige Informationen zu eliminieren oder ganze Quellen von der Verarbeitung auszuschließen. Bewährt hat sich auch, nur diejenigen Aussagen aus Chroniken zu berücksichtigen, die sich auf den räumlichen und zeitlichen Erlebnisbereich des Verfassers beziehen. Das bedeutet jedoch nicht den völligen Ausschluß von Sekundärinformationen, zumal wenn die zuzuordnenden Primärquellen verloren oder nicht zugänglich sind. Zur Gegenkontrolle können sekundäre Informationen über die Korrelierung mit unabhängigen Quellen verifiziert werden.

    Ein räumlich-zeitlich hinreichender Datensockel, die Bewertung, Strukturierung und die Zusammenfassung der direkten und indirekten Klimadaten in rechnergestützten Datensammlungen und Datenbänken bilden die Basis für die Klimarekonstruktion. Zu den Forschungsleistungen der letzten zwei Jahrzehnte zählen die Witterungsdokumentation "CLIMHIST" die regionale Klimadatenbank "HISKLID" und die europäische Datenbank EuroClimHist".

    Auf Grundlage der historischen Daten können verschiedene Verarbeitungen vorgenommen werden. Im semiquantitativen Bereich entstehen Indexreihen, in denen besondere Entwicklungen oder die Abweichungen des thermischen und hygrischen Geschehens vom Neoklima sichtbar gemacht werden können. Möglich ist auch die Umsetzung historischer Daten in absolute Werte, etwa für Temperatur, Niederschlag und Luftdruck.

    Die Zusammenfassung größerer Datenmengen und ihre synoptische Interpretation bietet schließlich die Chance zur Rekonstruktion von Großwettertypen bis hin zur Erstellung von Wetterkarten mit klimatologisch-meteorologischen Isolinien (z. B. Isobaren, Isothermen, Isonephen). Von der Leistungsfähigkeit synoptischer Dateninterpretation zeugt beispielsweise, daß die Forschung mittlerweile in der Lage ist, die Wetterlage über Frankreich und Paris detailliert für den 14. Juli 1789 zu beschreiben und kartographisch umzusetzen.

    Trotz des beachtlichen Fortschritts der letzten Jahre sind die Erträge der historisch-klimatologischen Forschung unter räumlichen Aspekt immernoch durch regionale Desiderate, besonders ein West-Ost Gefälle mit Trennlinie am ehemaligen "eisernen Vorhang", gekennzeichnet.

    Hochwassermarken für MeissenVor dem Hintergrund unzureichender Daten ist die Erforschung von Mittel- und Nordostdeutschland vergleichsweise unterentwickelt. Eine Quellensammlung, die explizit Sachsen berücksichtigt, fehlt. Nachholbedarf besteht auch im östlichen Europa. Gerade der umrissene Raum nimmt jedoch eine Schlüsselstellung für das Gesamtverständnis des europäischen Klimas ein, da sich hier der Übergang vom atlantisch geprägten zum kontinental geprägten Klima vollzieht. Unter dem zeitlichen Gesichtspunkt ist die Forschung ebenfalls weiter gefordert. So harren noch das Spätmittelalter und das 16. Jahrhundert einer detaillierten Bearbeitung.

    Die vorliegende Arbeit trägt dem geschilderten Forschungsstand im Rahmen der europaweiten Kooperation in den Bänden II und III mit der Datensammlung "CLIMDAT" Rechnung. Für den Zeitraum von 1500 bis 1799 wurden über 19.000 abgeschlossene Datensätze mit ca. 38.000 Teilinformationen aus über 300 deutschsprachigen und einigen in Latein verfaßten Primär- und Sekundärquellen akquiriert, in Form eines chronologisch geordneten Textfiles bereitgestellt und für die rechnergestützte Auswertung vorverarbeitet.

    Räumlich beziehen sich die mehr als 2.000 geographischen Angaben auf Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grönland, Großbritannien, Island, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, Rußland, Schweden, die Schweiz, die Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, die Türkei, die Ukraine und Ungarn.

    Im räumlichen Schwerpunkt orientiert sich die Datensammlung mit mehr als 1.200 geographischen Angaben und der größten Informationsverdichtung auf das mittlere und östliche Deutschland, gefolgt von Polen, Rußland (ehm. Ostpreußen) und Tschechien. Für Sachsen ist damit erstmals eine umfangreiche Datenbasis für die Erforschung des Klimas in historischer Zeit verfügbar. Gemessen an den aktuellen Zielen der Historischen Klimatologie, ist die beschreibende Datensammlung "CLIMDAT" ausdrücklich als Einstieg in die Grundlagenforschung und als Teilziel auf dem Weg zur regionalen Klimarekonstruktion zu verstehen.

    Angesichts der großen Defizite bei der Akquisition regionaler Daten und einer Reihe forschungslogistischer Einschränkungen war es nur im Einzelfall möglich, das Material in absolute Werte für die Temperatur- und Niederschlagswerte umzusetzen und einen Vergleich mit dem Neoklima herbeizuführen.

    Mit Hilfe der vorliegenden und künftig zu verdichtenden Daten sollen weiterführende Verarbeitungen möglich werden. Das schließt auch Bemühungen zur vollständigen Integration des vorverarbeiteten Materials in die europäische Datenbank "EuroClimHist" ein.

    Parallel zum Erkenntnisgewinn der klimageschichtlichen Forschung sind Fragestellungen zu den Auswirkungen historischer Klimavariationen aufgeworfen worden. Kennzeichnendes methodisches Merkmal der aktuellen Forschung ist die weitgehende Abkehr von monokausalen, linear angelegten Betrachtungsweisen zugunsten systemorientierter Ansätze.

    Die am globalen Ökosystem orientierte Klimawirkungsforschung geht vom umfassenden Terminus des Klimasystems und der vielfältigen Interaktion seiner zahlreichen Subsysteme aus. Vor dem Hintergrund eines "reduzierten" Klimasystems werden die Auswirkungen (climate impact) realer, d. h. aktueller oder historischer Klimaszenarien oder künftig möglicher aber nicht sicherer Entwicklungen auf die Biosphäre analysiert bzw. abgeschätzt. Dynamische Aspekte finden mit der Untersuchung der Rückkopplungseffekte zwischen dem Klima und den Klimaimpaktebenen Berücksichtigung.

    Vor allem der Einbindung retrospektiv angelegter Forschungsansätze ist es zuzurechnen, daß sich geschichtswissenschaftliche Methoden und historische Fragestellungen einen festen Platz in der interdisziplinär ausgerichteten Klimawirkungsforschung erobert haben. Titel wie "Climate and History. Studies in past climates and their impact on Man" (Wigley, Ingram & Farmer, 1981) oder "Weather, Climate & Human Affairs" (Lamb, 1988) unterstreichen die weitreichenden Bemühungen um die Aufklärung des Zusammenhanges zwischen den klimatischen Verhältnissen und historischen Vorgängen.

    Harte Winter - schwere Zeiten!Auch die Historiker haben das Potential der Klima(-wirkungs)forschung erkannt und die neue Herausforderung zur interdisziplinären Arbeit angenommen. Eine wachsende Zahl von Studien setzt den Faktor "Klima" in Beziehung zu demographischen, ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungen, wobei sich detailliert ausgearbeitete Fallstudien zu herausragenden klimageschichtlichen Ereignissen und räumlich-zeitlich ausgreifende Untersuchungen ergänzen. Der systematische Ansatz und die daraus folgende methodische und disziplinäre Komplexität der Klimafolgenforschung führen indes eine ganze Reihe von Problemen mit sich. Dazu zählt, daß wissenschaftlich exakte Klimawirkungsanalyen eng an die zeitlich hochauflösende und raumbezogen weitgehend deckungsgleiche Klimarekonstruktion gebunden sind. Obwohl der nordhemisphärische, bodennahe Temperaturtrend der letzten fünfhundert Jahre mittlerweile als weitgehend gesichert gilt und zahlreiche Studien für verschiedene Zeitabschnitte und Räume vorliegen, ist die klimatologische Faktenbasis auf der regionalen Ebene streckenweise immernoch unterentwickelt. Auf die entsprechenden Desiderate ist bereits hingewiesen worden.

    Zweitens setzt die exakte Bewertung des klimatischen Einflusses auf historische Vorgänge eine komplexe Erfassung und die präzise Analyse der Variablen voraus, von dem die zu untersuchenden Systeme gesteuert werden (einschließlich der Wechselbeziehungen und der exogenen Einflüsse). Klimawirkungsaspekte lassen sich nur im seltenen Fall als einfache Kausalbeziehungen darstellen. Und so setzt die Klimawirkungsanalyse immer zugleich die Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen sowie bevölkerungs-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Implementierungen, das heißt die Einbindung historischer Forschung mit dem Kanon ihrer Teildisziplinen, voraus. Schließlich ist die Untersuchung historischer Klimawirkungsaspekte erst vor dem Hintergrund einer gesicherten Quellenbasis, die sowohl Klimadaten als auch Klimawirkungsdaten einschließen muß, sinnvoll.

    In beispielgebender Weise ist es Christian Pfister nach mehr als zehnjähriger Forschungstätigkeit gelungen, die Methoden und Inhalte der modernen Historischen Klimatologie ("Das Klima der Schweiz 1525-1860...) und der Historischen Klimawirkungsforschung (...und seine Bedeutung in der Geschichte von Bevölkerung und Landwirtschaft") zusammenzufassen. In faktischer Anlehnung an den Klimasystembegriff der aktuellen Klimawirkungsforschung und vor dem Hintergrund einer detaillierten Klimarekonstruktion werden das agrarische und das demographische Subsystem in ihrer wechselseitigen Vernetzung und ihrer Verknüpfung ("Kontaktbereich") zum reduzierten Klimasystem untersucht.

    Die in mehreren Stufen mögliche Reaktion der Subsysteme wird in letzter Instanz in der Reaktion des demographischen Systems (Übermortalität, Geburtendefiizt) auf die Belastung durch Klimaimpulse bemessen.

    Dynamischen Faktoren trägt die Arbeit dem Modell der "Tragfähigkeit", dem "Verhältnis der Bevölkerung zur Größe der Anbauflächen, zum Stand der Technologie und zur Effizienz der sozialen Organisation" (Ökotypus, ökologische und soziale Tragfähigkeit), Rechnung. Hintergrund dieses Vorgehens ist die Überlegung, daß das heuristische Konstrukt "System" tendenziell auf die Erhaltung eines Gleichgewichtszustandes orientiert ist. Damit verbindet sich die Frage, inwieweit das Verhältnis von Belastung und Tragfähigkeit durch gesellschaftliche Adaption und Innovation zugunsten einer erweiterten Tragfähigkeit verändert werden konnte oder verändert wurde (Wiederherstellung eines gestörten Gleichgewichts).

    Die Ziele der vorliegenden Arbeit wurden unter dem Einfluß der geschilderten inhaltlichen und methodischen Aspekte der Historischen Klima(-wirkungs)forschung entwickelt. An eine synthetisch angelegte, zeitlich-räumlich ausgreifende Studie war jedoch angesichts der verfügbaren Forschungskapazität und der über Strecken noch unzureichenden Dichte des klimageschichtlichen Datenmaterials von vornherein nicht zu denken.

    Zu berücksichtigen war außerdem, daß die von der noch relativ jungen Historischen Klimawirkungsforschung aus vielfältigen Variablen und Interdependenzen konstruierten Zusammenhänge zwischen Klimaimpulsen und Klimawirkungen "notgedrungen [noch] stark hypothetischen Charakter" tragen und deshalb weitere Grundlagenforschung unumgänglich ist. Aus den genannten Gründen verfolgt die Arbeit das Ziel der regionalen Bestandsaufnahme historischer Klimawirkungszusammenhänge im Rahmen mehrerer, relativ selbständiger Fallstudien, die zwischen den Jahren 1550 und 1799 angesiedelt sind. Der empirischen und quellennahen Darstellung fällt Priorität gegenüber der vorschnellen, ungesicherten Abstraktion zu. In der zeitlichen Auflösung fällt die Reichweite der Studien differenziert aus. Zur Untersuchung stehen Witterungsszenarien und das Klimageschehen im mittleren (saisonal, mehrjährig) und im langfristigen (mehrere Jahrzehnte) Bereich.

    Der klimageschichtliche Hintergrund der Arbeit wird mit Hilfe der Daten in "CLIMDAT" hergestellt. Im besonderen Maße werden Klimavariationen und "extreme" thermische und hygrische Impulse, d. h. aus der zeitgenössischen Überlieferung abgeleitete, verifizierte, signifikante Abweichungen vom "üblichen" Geschehen, berücksichtigt. Die bevorzugte Wahl dieser Szenarien ist der Überlegung geschuldet, daß sich das "Funktionieren" der betroffenen Systeme unter einer maximalen Belastung besonders gut studieren läßt. Die aus der "Extremwertstatistik" gewonnenen Wirkungsparadigmen lassen sich zudem als Referenzpunkte bei künftigen Untersuchungen nachnutzen. Zur Verifizierung werden die rekonstruierten Witterungs- und Klimaszenarien in den Kontext der regional anschließenden, der europäischen oder der nordhemisphärischen Klimageschichte gestellt.

    In einer zweiten Ebene werden die Reaktionen der ökonomischen, sozialen und demographischen Subsysteme auf die verifizierten Klimaimpulse untersucht, Adaptions- und Innovationsstrategien (Rückkopplung) analysiert und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit abgeschätzt. In ihrer Summierung sollen die Fallstudien einen möglichst vollständigen Katalog der möglichen und wirklichen Klimawirkungen vermitteln.

    Mikrohistorische Arbeitssequenzen verfolgen das Ziel, den konkreten Menschen in seinen Lebensverhältnissen, seinen subjektiven Erfahrungen und Reaktionen in den Rahmen der großen Systemzusammenhänge zu setzen.

    Das räumliche Ausgreifen der einzelnen Untersuchungen richtet sich primär nach der Verdichtung des klimageschichtlichen Referenzmaterials, das dem Ziel unterstellt war, die Forschungslücke zwischen dem west- und südwestdeutschen Raum und Osteuropa zu schließen. Die Analyse der Klimaszenarien und Klimawirkungsaspekte bezieht sich vor allem auf das mittlere und nordöstliche Deutschland, Polen (Schlesien, Pommern, Westpreußen) und Tschechien (Böhmen, Mähren). Das ernestinische und vor allem das albertinische Sachsen bilden den zentralen Untersuchungsraum. Nach der gegenwärtigen politisch-administrativen Gliederung der Bundesrepublik werden damit das Territorium des Freistaates Sachsen, Teile des Freistaates Thüringen, sowie der Bundesländer Sachsen-Anhalt und Brandenburg eingeschlossen.

    Zwischen den zeitlichen Polen des 16. und 18. Jahrhunderts hat die Untersuchung damit einen naturgeographisch reich gegliederten Raum mit sich unabhängig von der Klimaentwicklung wandelnden ökonomischen, demographischen, infrastrukturellen, politischen und institutionellen Entwicklungen und Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.

    Die Analyse führt in Mittelgebirgslandschaften, in Ebenen und Flußauen, und sie greift auf Zonen zu, in denen die Böden und das Klimaregime den Landbau begünstigen oder benachteiligen. Sie bezieht sich auf den landwirtschaftlich geprägten Norden und auf die gewerblich durchsetzten Gebiete im Süden, auf Städte und auf das platte Land, auf Räume, in denen Siedlung und Produktion mehr oder minder große Eingriffe in die natürliche Umwelt mit sich gebracht hatten. In den Untersuchungszeitraum fallen der Dreißigjährige Krieg und die Schlesischen Kriege mit ihren jahre- bzw. jahrzehntelangen demographischen und ökonomischen Nachbeben. Es ist die Zeit langfristig wachsender Bevölkerung, wechselnder (Agrar-)Konjunkturen und der fortschreitenden sozialen Differenzierung, die Zeit der sich beschleunigenden geistigen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Die zweifellos unvollständige Liste exogener Faktoren soll nochmals verdeutlichen, daß die Untersuchung ökonomischer, sozialer und demographischer Auswirkungen von Klimaimpulsen stets in den Rahmen multikausaler, vernetzter Steuervariablen und Entwicklungen gesetzt werden muß.

    Mit dem Bezug auf die skizzierten inhaltlichen und methodischen Prämissen und mit dem Blick auf die Ziele der Historischen Klima(-wirkungsforschung) ist die vorliegende Arbeit nur ein kleiner Forschungsbeitrag, eine punktuelle Referenz für ein großes Thema. Sicher werden im Rahmen der empirischen Darstellung Fragen beantwortet. Angesichts der notgedrungen räumlich, zeitlich und analytisch verkürzten Untersuchung bleiben jedoch auch viele Fragen offen. Erst eine weiter vertiefte Analyse, die von hochauflösenden Klimadaten ausgehen kann, die es vermag, komplexe Systemstrukturen, dynamische Aspekte sowie die naturgeographischen, wirtschaftlichen, demographischen und institutionellen Besonderheiten des historischen Raumes noch fester einzubinden, wird genauere Erkenntnisse zur Wertigkeit der Klimas an historischen Entwicklungen ermöglichen.

    Mit der teils prononcierten Hervorhebung des Faktors "Klima" als Komponente einer multispektralen Systemsteuerung historischer Entwicklungen sollen die folgenden Kapitel einen Beitrag zum Anschluß an den internationalen Forschungsstand leisten, der historischen Forschung einen Impuls verleihen, neue Interpretationen ermöglichen, den kritischen Diskurs beleben und eine weitere interdisziplinäre Verflechtung von Geschichte und Naturwissenschaften anregen.


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