Denton Welch

Burroughs & Welch



Vorwort von Burroughs zu Welch's "Freuden der Jugend"


Wenn ich gefragt werde, welcher Schriftsteller mich
am nachhaltigsten beeinflusst hat, antworte ich ohne
Zögern: Denton Welch.
  Es muss ungefähr 1946 gewesen sein, als ich zum
ersten Mal etwas von Denton las. Damals war ich nicht
übermäßig beeindruckt. Ich wusste damals noch nicht, dass ich
selbst einmal schreiben würde. Erst als ich Denton
1976 wiederlas, wurde mir das ganze Ausmaß seines
Einflusses bewusst. Mein Audrey Carson ist Denton
Welch. Seine Art, sich auszudrücken, seine ganze
Denkweise - purer Denton Welch.
  Ich verbrachte den Winter des Jahres 1976 in Boul-
der, Colorado, und Cabell Hardy, mit dem ich mir ein
Apartment teilte, konnte die Bücher von Denton
irgendwo für mich ausleihen: Maiden Voyage, In Youth is
Pleasure, A Voice Through a Cloud, The Journals, Brave and
Cruel
 (Erzählungen) und ein Band mit dem Titel A
Last Sheaf.
Dies ist annähernd das Gesamtwerk, das er
in einem Zeitraum von zehn Jahren geschrieben hat.
Mit achtzehn wurde er bei einem Verkehrsunfall
schwer verletzt und blieb für den Rest seines Lebens
ein Krüppel. Komplikationen führten dreizehn Jahre
später, 1948, zu seinem Tod. Er war einundreißig
Jahre alt.
Beim Wiederlesen wurde mir nicht nur das Ausmaß
seines Einflusses bewusst, sondern auch die Tatsache,
dass ich mir ganze Passagen eingeprägt hatte, denen ich
nun erwartungsvoll entgegensah wie vertrauten Mar-
kierungen in der Landschaft...
  "Ich hatte mich nicht mehr auf ein Pferd gesetzt seit
meinem zehnten Lebensjahr, als man mein grässliches
schwarzes Pony endlich weggegeben hatte. Wie hatte
ich es gehasst! Einmal war es aus dem Stall ausgebro-
chen. Es war durch die Rosen und über die Wiesen
galoppiert und hatte seine schauderhaften gelben
Zähne gebleckt."
  Wer außer Denton hätte diese Sätze schreiben kön-
nen? Nicht umsonst nannte ihn sein Vater nur noch
'Punky'.
  So habe ich nun also den jungen Denton dienstver-
pflichtet als Helden meines neuen Romans 'The Place
of Dead Roads'. Gewissermaßen also ein Fall von lite-
rarischer Entführung. Mit einem ebenso ungewissen
Ausgang, wie wenn die CIA einen bekannten Russen
kidnappt, in der Hoffnung, ihn umdrehen zu können.
Ich meine, hätte sich Denton so ohne weiteres umge-
stellt auf eine Rolle als Westernheld? Als Revolverheld?
Ich denke, er hätte wohl mitgemacht:
  "Kim ist ein morbider, schmieriger Junge mit unap-
petitlichen Neigungen und einem unersättlichen Hun-
ger nach Extremen und Sensationen. Er ist geradezu
vernarrt in diese dunkle Seite seines Charakters. Seine
Mutter hatte Séancen veranstaltet, und Kim begeistert
sich für Ektoplasma, Kristallkugeln, Geisterführer, Vor-
ahnungen und Auras. Er suhlt sich in der Vorstellung
von Abscheulichkeiten, unaussprechlichen Riten,
dämonischen Beischläfern mit schauerlichen Krank-
heiten, widerwärtigen Geheimnissen, die mitgeteilt
werden in einem dicken schleimigen Flüstern, süßlich
und wissend und böse; von alten zerfallenen Städten
unter einem dräuend purpurrotem Himmel, dem Pest-
hauch rätselhafter Exkremente, dem modrigen süß-
lichen Verwesungsgestank des gräßlichen Roten Fie-
bers; von erogenen Geschwüren, die sich eiternd durch
das verblödete kichernde Fleich fressen."
  Es ist offensichtlich, Punky: Die Rolle sitzt dir so
hauteng wie ein Präser.
  "Ich übe mich im Schießen und bin entschlossen, ein
unfehlbarer Schütze zu werden. Bald werde ich es aus-
tragen müssen mit dem bigotten griesgrämigen She-
riff, der an Verdauungsstörungen leidet und jedesmal
leicht missbilligend rülpst, wenn er einem ein Loch in
den Bauch schießt. Sie nennen ihn deshalb einfach den
'Rülpser'. Ich werde ihm einen Bauchschuss verpassen.
Er wird nach vorn knicken mit einem gewaltigen Rülp-
ser, und sein künstliches Gebiss wird ihm laut schnap-
pend aus dem Mund fliegen."
  Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Denton ein
mahr abenteuerliches Leben vorgezogen hätte. Wir
wissen aus seinen Tagebüchern, wie sehr er unter sei-
nem invaliden Zustand litt. Mit dem Schreiben begann
er überhaupt erst nach seinem Unfall. Bis dahin hatte
er nur gemalt. Man fragt sich, ob er ohne die verhee-
rende Erfahrung jenes Unfalls sich je zum Schreiben
entschlossen hätte. (Er war mit dem Fahrrad auf einer
völlig freien Straße unterwegs, als er von einer Frau
am Steuer eines Wagens von hinten überfahren
wurde.)
Seine Bilder, soweit ich sie kenne, sind wie das, was
er schrieb: Ausdruck derselben Persönlichkeit, dessel-
ben Stils. Doch als Maler hatte er nicht so viel los. Er
war talentiert, gewiss, aber die Bilder sind keineswegs
herausragend oder außergewöhnlich. Malen war nicht
sein Medium.
Kunst und kreatives Denken, meine ich, haben die
Funktion, den Menschen etwas zu zeigen, was sie
innerlich breits wissen, aber bisher noch nicht als Fak-
tum annehmen wollten. Wer im Mittelalter an einer
Meeresküste wohnte, der wusste, dass die Erde rund
ist. Sie glaubten aber, die Erde sei eine Scheibe, weil sie
es von der Kirche so eingetrichtert bekamen. Als
Cézanne seine erste Ausstellung machte, gerieten die
Besucher so in Rage, dass sie mit ihren Regenschirmen
auf die Bilder losgingen. Sie konnten einfach nicht
sehen, dass dies ein Fisch und jenes ein Apfel war, gese-
hen aus einem bestimmten Blickwinkel und in einem
bestimmten Licht. Heute kann jedes Kind den Fisch
und den Apfel sehen. Als James Joyce den Leuten pla-
stisch vorführte, wie ihr Bewusstsein funktioniert, war-
fen sie ihm vor, völlig unverständlich zu sein. Heute
würde keiner mehr auf den Gedanken kommen, den
'Ulysses' unverständlich zu finden. Wenn der Durch-
bruch erst einmal geschafft ist, wird er Teil des allge-
meinen Bewusstseins.
  Denton Welch macht dem Leser die Magie von Din-
gen bewusst, die er direkt vor Augen hat, denn die mei-
sten Erfahrungen, die er schildert, sind alltäglicher Art:
ein Spaziergang, ein Nachmittagstee, ein Pfirsich
Melba, Regen auf einem Fluss, ein Besuch in einem
Antiquitätenladen, ein Bild auf einer Keksdose, eine
Fahrt mit dem Fahrrad, die Tränen eines verwirrten
Jungen...
  "Die Pêche Melba wurde serviert, mit ihrer dicken
roten zähflüssig herablaufenden Escoffier-Sauce. 'Wie
der Hintern einer Schlafpuppe aus Zelluloid', sagte
sich Orvil. 'Nur bei dieser Puppe ist er aufgeplatzt, und
es kommen Schneeflocken und große Blutklumpen
heraus...'"
  "Im Staub des Feldwegs bildeten seine Tränen feuch-
te Klümpchen wie Tropfen heißer Schokolade."
  "Aus einem der Turmfenster erhaschte er einen
flüchtigen Blich auf die weißen Grabsteine des Fried-
hofs, die platt auf der Erde zu liegen schienen. Sie
kamen ihm vor wie ausgeschlagene Zähne."
  "Die ganze Oberfläche des Flusses brodelte und
zischte unter den Regentropfen, die wie Geschossgar-
ben einschlugen."
  Reproduktion eines alten Stichs auf einer Keksdose:
"Die winzigen Gestalten der Fußgänger, deren Klei-
dung so penibel und detailgenau ausgeführt war, verlo-
ren sich in der dräuenden, gespenstischen Perspektive,
die der Künstler der Straße gegeben hatte."
  "Das Laub der Bäume unten am Fluss verfärbte sich
bereits. Dann und wann segelte ein Schwarm von läng-
lichen vergilbten Blättern herunter. Auf dem Wasser
wirkten die Blätter wie die bleichen Bäuche von klei-
nen toten Fischen."
  "Die Brotscheiben kamen mit breiten verkohlten
Striemen aus dem Toaster, als habe sie ein Schornstein-
feger in der Hand gehabt."
  "Der Mann hatte ein säuerliches scharf geschnitte-
nes Gesicht, dessen Farbe und Haut an gekochtes
Kalbsbries erinnerten."
  "Er stellte sich vor, er sei davongelaufen, um nicht
zurück ins Internat zu müssen. Er war allein in einem
kleinen Zimmer in London... Draußen hörte er seine
Angehörigen und die Lehrer aus der Schule wie Raub-
tiere knurren. Sie hatten Reißzähne und lange Krallen
wie der wahnsinnige Nebukadnezar, doch sie konnten
ihm nichts anhaben, denn die Tür war durch zwei Vor-
hängeschlösser und vier starke Riegel gesichert, und
die Fensterscheiben waren aus kugelsicherem Glas..."
  Sooft mir einer meiner Studenten sagt, er wisse
nicht, worüber er schreiben solle, gebe ich ihm den
dringenden Rat, einmal Denton Welch zu lesen. Es ist
an der Zeit, dass Denton endlich die verdiente Aner-
kennung findet.
  Man hat Denton Welch mit Ronald Firbank vergli-
chen, doch in diesem Vergleich kann ich kein Kompli-
ment sehen, sondern allenfalls eine Beleidigung. Von
Firbanks Prancing Nigger ist mir kein einziger Satz in Er-
innerung geblieben, nur ein leicht ekliger Hauch von
Gefühligkeit. Ich denke, als Schriftsteller hat Denton
am meisten Ähnlichkeit mit Jane Bowles. Beide sind
Meister im erfinden von Sätzen, die sich einem unaus-
löschlich einprägen und die keine anderer hätte schrei-
ben können. Die Prosa beider Autoren ist Ausdruck
einer ganz einzigartigen Persönlichkeit, einer ganz
besonderen Sichtweise. Und sie leisten sich nie soetwas
wie Gefühlsduselei.
  Von Dentons Werken sind nur noch A Voice Through a
Cloud
und ein Band eher unbedeutender Gedichte im
Druck. Wenn je ein Autor unverdient übergangen
wurde, dann Denton Welch.
  Was immer er am Ende von A Voice Through a Cloud
gehofft haben mag - der Tod ließ es ihn nicht mehr
aussprechen. Der letzte Satz blieb unvollendet: "Jetzt,
da ich dies schreibe, wünschte ich, ich könnte..."


William S. Burroughs
23. September 1981



Quelle: Denton Welch "Freuden der Jugend", Steidl Verlag




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